Das System „Kibbutz“

von Mia und Silas

Wikipedia sagt: „Als Kibbuz (hebräisch קִיבּוּץ: „Sammlung, Versammlung, Kommune“; Mehrzahl Kibbuzim) bezeichnet man eine ländliche Kollektivsiedlung in Israel mit gemeinsamem Eigentum und basisdemokratischen Strukturen.“

Unser Kibbutz ist ein umzäuntes Gebiet mitten in der Arava-Senke des Negev. Er liegt an der einzigen Schnellstraße des Südens (zwischen Zentralisrael und der südlichsten Stadt Eilat). Drumherum ist eigentlich nur Wüste, Wüste, Wüste.

Innerhalb des Kibbutz befinden sich die Wohnhäuser der ca. 700 Menschen, von denen ungefähr 350 sogenannte Members sind – also feste, wahlberechtigte Mitglieder des Kibbutz mit allen Rechten und Pflichten. Außerdem lassen sich auch alle anderen Gebäude, die eine Gemeinschaft so braucht, finden. Dazu zählen: Speisesaal, Großküche, Sporthalle, Klinik, Fitnessstudio, Schwimmbad, Bibliothek, Kindergärten, Schule, Wäscherei, Autowerkstatt, Bar/Café, Bunker, u.v.m.

Die Menschen in Yotvata leben von der Landwirtschaft: Es gibt Milchkühe sowie eine milchverarbeitende Fabrik im Inneren des Kibbutz und außerhalb Dattelplantagen sowie eine Pferdefarm. Alle Mitglieder des Kibbutz arbeiten in einem der vielen Zweige, die der Kibbutz betreibt, und der von ihnen erwirtschaftete Gewinn geht in den Kibbutz über. Die Members selbst besitzen nahezu kein Eigentum: So arbeitet jeder für den Kibbutz und damit für sich und alle anderen.

Generell ist jedem jede Arbeit ‚zumutbar‘ und jeder hat seine Aufgabe, um dem Kibbutz zum Überleben zu verhelfen. So gibt es zum Beispiel Menschen, die sich um die Kühe und die Milch kümmern, es gibt Arbeiter auf den Dattelplantagen, aber genauso gehört es dazu, dass Leute in der Wäscherei oder im Speisesaal arbeiten. Es gibt einen Gärtner, der sich um die vielen Grünanlagen im Kibbutz kümmert, es gibt einen Pool-Beauftragten, es gibt Menschen, die die Volunteers organisieren, und es gibt die Mitarbeiter des ‚Miznon‘, der Autobahn-Raststätte des Kibbutz, in welcher viele der produzierten Waren an Reisegruppen verkauft werden. Bei der Arbeit sind alle gleich, weshalb es durchaus vorkommen kann, dass beim Gemüsewaschen im Miznon eine erfahrene Architektin neben einer Volunteer-Studentin aus Südkorea dieselbe Arbeit verrichtet – ungeachtet ihrer beruflichen Qualifikation.

Die Verteilung des gemeinsam erwirtschafteten Gewinns wird über Komitees geregelt. Finden sich für eine Sache genug Interessierte im Kibbutz, kann diese Sache gemeinsam in Angriff genommen werden. Möchte zum Beispiel ein bestimmter Anteil der Kibbutzniks, dass ein Teil des kollektiven Geldes für Schönheits-OPs verwendet werden sollte, gründet sich nach Abstimmung ein Komitee, das die Verwaltung dieses Geldes übernimmt. Es erhält ein bestimmtes Budget und für dieses Budget können dann Mitglieder des Kibbutz Schönheits-OPs an sich vornehmen lassen. (Kein Witz: Dieses Komitee für Plastic Surgeries existiert tatsächlich…)


Ein beispielhafter Tag im Leben eines Kibbutzniks kann also folgendermaßen aussehen:

Morgens früh klingelt der Wecker im eigenen Bungalow (meist ein Schlafzimmer, Bad, kleine Küche und eine Terrasse zum Abhängen). Verschlafen wird sich angezogen und einmal zum Speisesaal in der Mitte des Kibbutz getrottet. Hier kommt man morgens an den vielen Eltern vorbei, die ihre Kinder zu einem der Kindergärten bringen. Auf dem Weg wird noch schnell die Wäsche der letzten Tage in der Wäscherei eingeworfen. Die kann dann ein paar Tage später frisch gewaschen und zusammengelegt im nummerierten Fach abgeholt werden.  Gemeinsam wird im Speisesaal gefrühstückt: Tee, Orangensaft, Brot, Salate, Frischkäse (generell viele Milchprodukte). Von dort geht es in der typischen Arbeitskleidung weiter in den jeweiligen Beruf: der Mechaniker in die Werkstatt, die Arbeiter in die Milchfabrik, die Volunteers meist ins Miznon oder in die Küche zum Spülen.

Mittags wird eine Pause eingelegt und alle treffen sich wieder im Speisesaal. Das Angebot ist mittags am reichhaltigsten: Viel Fleisch, Kartoffeln, Reis und Salate. Nach dem Mittagessen wird weitergearbeitet. Zum Abend hin haben die meisten (außer Schichtdienste natürlich) frei, manche gehen in die Kibbutz-eigene Sporthalle zum Handballtraining, ins Fitnessstudio, leihen sich ein Buch in der Kibbutzbibliothek aus oder treffen sich vor dem Speisesaal im Kibbutz-Shop. Dieser öffnet täglich nur für ein paar Stunden und versorgt alle mit Luxusartikeln. Wem das Essen der Großküche also zu langweilig wird (keine Pizza! 🙁 ), wer neues Shampoo braucht oder ein echtes Weihenstephaner Weißbier trinken will, der kann hier über seinen Money-Chip vergünstigte Produkte erwerben. Die Sachen sind billiger als in normalen Geschäften (Israel ist sehr teuer!), weil der Kibbutz diese ‚subventioniert‘. Umsonst sind natürlich alle in Yotvata produzierten Güter. So ist Silas‘ Schokomilchkonsum zwischenzeitlich auf 1 Liter/Tag angestiegen…

Das sind die normalen Arbeitstage von Sonntag bis Donnerstag. Am Freitag wird in fast allen Bereichen nur ‚halb‘ gearbeitet, das heißt vorbereitet und viel geputzt. Denn mit dem gemeinsamen Abendessen beginnt das jüdische Wochenende, der Schabbat. Hierfür ist der Speisesaal geschmückt, es gibt Tischdecken und Rotwein vom Schlauch (Kopfschmerzgefahr!). Danach öffnet der ‚Members Club‘ – eine Art Vereinsheim, in dem alle zusammensitzen, Kaffee und Kuchen essen und viel quatschen. Hier finden auch Abstimmungen, Treffen und Kulturveranstaltungen statt. Yitzhak Rabin’s Todestag wird beispielsweise hier von der (traditionell links-sozialistischen) Kibbutzbewegung mit Liedern betrauert.

Wer möchte, kann im Anschluss noch eine Abendveranstaltung besuchen (Jazz in der Kunstwerkstatt oder dröhnender Pop in der Kibbutzdisko) und endlich ins Bett fallen. Samstag ist der einzige freie Tag im Kibbutz und Sonntag ist der erste Tag der Woche, dann beginnt es von neuem.

Viele Volunteers meckern ab und zu, dass sie (nahezu) keine Bezahlung für ihre viele Arbeit bekommen – 22 Schekel (Männer) oder 23 Schekel (Frauen) pro Arbeitstag. Ich hingegen bin begeistert, wie gut wir bezahlt werden. Eigentlich brauchen wir hier überhaupt kein Geld mehr: Essen, Wohnung, Glühbirnen, Geschirr, Besteck, Mobiliar, Handtücher, Bettzeug, Toilettenpapier, Putzzeug, Bücher, Ausflüge  – alles wird für die Volunteers vom Kibbutz gestellt. Falls uns etwas fehlt, müssen wir nur unsere großartige Koordinatorin Voula darauf ansprechen. Der einzige Luxus, den wir uns selbst gönnen müssen, ist zum Beispiel Knabberzeug wie Schokolade und Alkoholika wie Bier (außer der Wein an Schabbat, der ist auch gratis). Feste Mitglieder wie die bereits erwähnte Voula bekommen außerdem auch andere Ausgaben, die sie haben, erstattet. Voula nimmt bspw. an einem Sportkurs teil, der sie 150 Schekel im Monat kostet. Sie überweist diesen Betrag einmal jährlich, reicht die Quittung bei der Kibbutz-Organisation ein und erhält das Geld zurück. Wer braucht da schon Gehaltszahlungen?


Das System ist also eigentlich nicht so schwer: Alle Kibbutzniks erwirtschaften gemeinsam Güter und damit Geld, sei es durch Landwirtschaft, durch Handel oder durch Gastronomie. Alles, was die einzelnen Mitglieder durch ihre Arbeit im Kibbutz erwirtschaften, landet in einem großen Pott, den die Kibbutz-Organisation verwaltet. Daraus bezahlt der Kibbutz die Ausgaben, die er für seine Mitglieder und seine vielen Gäste und Volunteers hat: Essen, Trinken, Strom, Häuser, Land, Möbel, etc. etc. Das verbliebene Geld wird auf die Komitees verteilt, die es dann wiederum in ihrem Rahmen verwalten und verteilen.

10 Gedanken zu „Das System „Kibbutz“

    • Sieglinde Ploner sagt:

      Sooooo schön, wie Ihr uns in Euren Alltag und die Hintergründe mit hinein nehmt. Ist doch wieder mal interessant, dass sich alles wie im Schlaraffenland anhört, es aber (wie immer) Leute gibt, die meckern :=))
      Aber umso schöner für Euch, dass Ihr Euch mit dem System auseinander setzt und die Vorteile genießt.
      Wieviel Kilo hat Silas schon zugenommen, wenn er 1 l Schokomilch am Tag trinkt? Oder kann er das alles wieder abtrainieren????

  1. Irene sagt:

    Wahnsinn. Ein ziemlich anderes Leben dort. Das hört sich echt nach
    wenig Sorgen und Stress an.

    Ich hoffe ihr genießt die Zeit und habt viel Spaß 🙂

    • Mia sagt:

      Es sind wenig Sorgen und sehr wenig Stress, aber es ist auch anstrengend. Wir haben alle Probleme damit, uns an die 6-Tage-Woche zu gewöhnen 😉

    • Mia sagt:

      Auf jeden Fall! Morgen bekommen ich Geburtstags-Pizza!
      Das ist das einzige, was ich wirklich vermisse: Das sonntägliche Couch-Pizza-Ritual…

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