Im türkischen Urwald

von Mia

Endlich! Endlich wieder den Schatten von Laubbäumen genießen. Am Flussufer auf den Steinen sitzen und die Füße ins eiskalte Quellwasser baumeln lassen. Der Norden der Türkei ist den Wäldern Nordeuropas gar nicht so unähnlich.


Auf dem Weg von Kerpe nach Küre fahren wir zunächst südlicher und lassen die Sonnenblumenfelder und die Bäume hinter uns. Das Land wird flacher, nur in der Ferne sehen wir die Berge. Die natürliche Vegetation wird kleiner und immer weniger. Dazwischen glühen Weizenfelder golden in der Abendsonne. Silas und ich können uns gar nicht satt sehen. Dann biegen wir bei Ankara nördlich ab und schnell wird alles wieder grüner – und bergiger. Das Land um uns herum wird wilder, die Bäume größer und dichter. Wir fahren in einen richtigen Dschungel hinein.

Als wir unser Ziel erreichen, sind wir begeistert. Das Küre Dağ Evi liegt in einem Naturschutzgebiet in den Bergen. Das Haus ist direkt an zwei Quellen herangebaut, sodass es überall plätschert und sprudelt. Rundherum ragen die Berge auf und überall sind Bäume, Schlingpflanzen und Sträucher. Libellen surren herum und geben dem Ganzen einen fast schon märchenhaften Anstrich.

An diesem wunderbaren Ort steht das Haus des Bergs Küre – ein Haus, das uns an die riesigen Häuser in den österreichischen Bergen erinnert. Hier haben Erhan und Gülbahar ihr Hotel und Restaurant aufgebaut. Dazu gibt es einen ganzen Haufen Tiere: Anatolische Schäferhunde, mehrere Katzen, Enten und Hühner leben friedlich zusammen.

Wir fühlen uns hier auf Anhieb wohl. Erhan und Gülbahar sind tolle Gastgeber und versorgen uns mit Zimmer, Strom, Internet, leckerem Essen und frischem Quellwasser. Wir helfen im Gegenzug im Restaurant, auf dem Hof und im Hotel mit. Silas und ich putzen Zimmer, beziehen Betten neu, waschen Wäsche, spülen das schmutzige Geschirr, servieren den Gästen, pflücken Birnen und Pflaumen, backen Birnenkuchen, verteilen Dung auf den Beeten. Wir basteln Lampen und bespaßen die kleine Tochter unserer Gastgeber. Silas lernt außerdem, wie man Fische aus der Fischzucht fängt, tötet, ausnimmt und brät.

Klein-Masal möchte übrigens eine Ballerina werden. Deshalb fährt Silas uns alle am Mittwoch in die nächste Stadt Bartin, wo Masal Ballettstunden nehmen wird. Vorher machen wir noch einen kleinen Abstecher nach Amasra, eine schöne, alte Stadt voller Touristen.

Wir haben hier viel Freizeit. Nur am Morgen zum Frühstück, am Abend zum Abendessen und wenn Gäste abreisen gibt es mehr zu tun. Den restlichen Tag können wir verbringen, wie wir möchten. Wir lesen viel, machen Sport, ich schreibe, Silas schläft, wir spielen Backgammon. Wenn es nicht ganz so heiß ist, machen wir Wanderungen durch die Berge. In dieser Gegend soll es übrigens Wölfe und Bären geben, man sollte also immer wachsam sein beim Wandern… Das einzige wilde Tier, das wir hören, ist ein Schakal, der nachts um’s Haus streicht und heult. Die Hunde heulen zurück und sprinten los, um ihn zu jagen…

Eines Abends kommen überraschend drei Männer mit Kamera und Mikro vorbei. Sie sind vom lokalen Fernsehen und wollen einen Beitrag über uns machen. Also geben wir ein witziges Interview – erst mit Händen und Füßen, dann mit Gülbahar als Übersetzerin. Wir sind gespannt, ob und wann wir wohl ins Fernsehen kommen. Vorherige Gäste sind wahre Berühmtheiten in der Türkei geworden: Zwei Litauer, die mit Rollern von Litauen bis an die iranische Grenze gefahren sind. Danach sind sie per Anhalter weiter gefahren, weil sie das gleiche Problem hatten wie wir: Einreise in den Iran mit dem eigenen Fahrzeug ist kompliziert und sehr teuer. Aber mit Rollern! Den ganzen Weg von Litauen, das sind wahre Verrückte…

A propos Verrückte: Wir haben unterwegs auch ein paar witzige Leute getroffen, die die Mongolian Rallye fahren. Einer von ihnen hatte einen VW T2, allerdings mit neuem Motor. Auf der Autobahn ist er dann mit 130 Sachen an uns vorbei gezischt. Ein seltsames Gefühl von Bobs großer Schwester so abgehängt zu werden…

Gegen Ende unserer Zeit hier kommen zwei neue Volunteers: Fernando und Serap. Er ist Mexikaner, US-Amerikaner und Brite, sie ist in Großbritannien lebende Türkin. Sie sind verheiratet und leben seit 8 Jahren in London. Wir verstehen uns auf Anhieb super. Serap gibt kostenlose Pilates-Stunden, wir bekommen Gesundheitstipps und werden nach London eingeladen. Es ist ein schöner Abschluss unserer Zeit im Küre Dağ Evi, danke für alles!

Aber wir machen uns jetzt wieder auf den Weg Richtung Osten. Die Route in den nächsten Wochen:

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