Propaganda

von Silas

Was für eine kafkaeske Freude. Am Jahrestag des Putschversuches, dem 15.Juli, waren wir in Istanbul – es folgt ein etwas verspäteter Bericht…

Hier durften wir live erleben, wie staatlich verordnete Propaganda aussieht. Die schiere Masse der „15 Temmuz Destani“ (übersetzt etwa: „Das Schicksal des 15 Juli“) in Istanbul war überwältigend. Jede Plakatwand, jedes Werbefenster, jede Ubahn-Anzeige war damit zugepflastert. Überall in der Stadt wurden riesige türkische Fahnen gehisst, es gab öffentliche Photoausstellungen zu den ~120 Märtyrern, riesige Spruchbänder hingen von den Häusern. Der Istanbuler Nahverkehr war für den Festtag kostenlos, die türkischen Handyanbieter schenkten ihren Kunden 1000 Freiminuten – und schickten gleich ein martialisches Erinnerungsvideo direkt auf jedes Handy.

Viel interessanter war die Reaktion/Kommentare der nicht-Erdogan-freundlichen Türken, welche wir vor und nach diesem Festtag getroffen haben. Hier glaubt nämlich niemand an einen wirklichen „Putsch“. Ob es von oben angeordnet oder einfach nur bekannt war – dass der Oberhäuptling da seine Finger mit im Spiel hatte, bezweifelt hier niemand.

Wir haben uns das Spektakel angeschaut. Naja, ohne Bier (Verkauf wurde verboten) war das dann halb so lustig und wir haben uns nach 20 Minuten wieder ins Kneipenviertel gerettet. Verpasst haben wir den Aufmarsch von tausenden AKP-Anhängern, welche die Umbenennung der berühmten Bosporusbrücke in „Brücke der Märtyrer des 15. Juli“ feierten.

Über die hunderte „Märtyrer“ (Toten) in den kurdischen Städten um Diyabarkir spricht niemand. Auch ganz klar, dass alle bis heute  40.000 verhafteten Menschen(!!!) (Quelle) an diesem Putsch beteiligt waren. Das Ganze kann man leider in der Türkei nicht so leicht nachlesen – da Wikipedia immer noch gesperrt ist….

Dazu aber als voller Genuß der Auszug aus dem deutschsprachigen Wikipedia:

„In den Wochen vor dem Putschversuch 2016 wurde in Ankara bereits mit einem Putschversuch von Gülen-nahen Offizieren gerechnet. Etwa drei Monate vor dem Putschversuch hatte eine regierungsnahe Zeitung zwei Artikel eines Journalisten veröffentlicht, der mit Berufung auf angeblich gute Kontakte zum Geheimdienst Gülen-nahe Offiziere im Militär warnte, der Geheimdienst sei über ihre Putschpläne informiert und warte auf die Gelegenheit, dass sie aktiv würden und so die Struktur ihres Netzwerks offenbarten.[79]

Erdoğan hatte die noch nicht abgeschlossene Säuberung des Militärs als größte Gefahr seiner Regierung ausgemacht, entschloss sich jedoch für deren Begegnung zu einem stufenweisen Vorgehen.[28] Der Putschversuch erfolgte zu einer Zeit, als verschiedene Staatsanwälte entscheidende Schritte gegen die Gülenisten im Land unternahmen und lediglich wenige Wochen vor einem wichtigen Treffen des Hohen Militärrats (YAŞ), das von der AKP-Regierung als Gelegenheit angekündigt worden war, die Macht der Gülenisten im Militär weiter zu schwächen.[32] Bereits lange Zeit vor dem Putschversuch war bekannt gewesen, dass die türkische Regierung Schwarze Listen erstellt hatte und eine große politische Säuberung innerhalb der Streitkräfte vorbereitete. Diese sollte nach einer späteren Entscheidung der Regierung noch vor der turnusmäßig für Anfang August 2016 geplanten jährlichen Beförderungsversammlung des Hohen Militärrats stattfinden.[70][81][82][28]“  

Quelle Wikipedia

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